11.02.2003: Die Kopie von Picassos Wandbild "Guernica", ein Panorama über die Schrecken des Bombenkriegs, wurde anläßlich Powells
Präsentation von angeblichen Beweisen der Gefährichkeit des Irak zugehängt.
Die "Guernica"-Reproduktion vor dem Sitzungssaal
Kein "angemessener Hintergrund" mehr.
Bild gegen Bild
Berliner Zeitung vom 07.02.2003, Andreas Schäfer
Am Mittwoch betrat US-Außenminister Colin Powell das Foyer der Vereinten Nationen in New York und begab sich in den Sicherheitsrat, um Bilder zu zeigen. Bilder, die für die Augen der Weltöffentlichkeit die tödliche Gefährlichkeit Saddam Husseins zeigen und somit einen Militärschlag gegen den Irak rechtfertigen sollten. Am Dienstagabend noch war im selben Foyer des Uno-Gebäudes ein anderes Bild zu sehen: eine Kopie von Pablo Picassos Wandbild "Guernica", einem Panorama über die Schrecken des Bombenkriegs. Das Bild hängt immer dort, gestiftet von Nelson Rockefeller. Für Powells Auftritt aber ist es mit der blauen Fahne des Sicherheitsrates verhängt worden, wie ein Sprecher der Uno mitteilte.
Die Kamera-Augen der Welt lauern zur Zeit im Uno-Foyer. Und Powell, so erklärten Diplomaten der New York Times, könne schwerlich die Welt dazu verführen, Bomben zu werfen, wenn im selben Fernsehbild im Hintergrund leidende Frauen, Kinder und Ochsen, die schrecklichen Folgen solcher Taten zu sehen seien. Schon letzte Woche hatte die Uno feststellen müssen, dass eine Kamera den Kopf von Inspekteur Hans Blix vor dem Kopf eines schmerzwiehernden Picasso-Pferdes eingefangen hatte.
Wovon zeugt diese kleine Szene aus der großen Wirklichkeit? Zeugt sie vom Altbekannten - von der Schwachheit der Kunst, ihrem Narren- und Luxusdasein? Die Politik, das Kapital, die öffentliche Moral, sie schmücken sich mit ihr und veredeln ihre Räume und Absichten - aber nur solange und wie es ihnen beliebt. Oder zeugt sie nicht ganz im Gegenteil von der Kraft, die von Bildern ausgehen kann, und vor der man offensichtlich Angst hat?
Kunst kann sehr wohl die Wirklichkeit in den Köpfen verändern, und um das Denken in den Köpfen der Kriegsgegner zu verändern, war Colin Powell ja gekommen. So stand am Mittwoch in New York Bild gegen Bild: Im Sicherheitsrat die Dia-Schau des CIA, fotografiert aus jener Vogelperspektive, aus der bald auch die Bomben fallen werden - und unten im Foyer die Froschperspektive der Opfer, eine Erinnerung an den schockierenden ersten Bombenangriff auf eine europäische Stadt. Dass man Picassos Bild verhängen musste, belegt nur, dass man die Kraft der Spionageaufnahmen gefährdet sah. Offenkundig traut man den eigenen Bildern doch nicht so ganz. Das Wandbild und das Satellitenfoto treten so in unmittelbare Konkurrenz. Man erinnert sich aus dem ersten Golfkrieg noch an die Aufnahmen mit dem Vermerk "Zensiert von der US-Zensur". Nun hat mit dem blauen Tuch über "Guernica" zwar nicht der nächste Golfkrieg, wohl aber die nächste Zensur schon begonnen.
Symbolisch
FAZ vom 10.02.03 : Picassos "Guernica" in der UN-Zentrale verhüllt, von Thomas Wagner
Im Vorkrieg der Medien fürchten Politiker noch immer die Macht von Bildern, die sich ihrer Kontrolle entziehen. Als der amerikanische Außenminister Colin Powell und der Chef der UN-Waffeninspekteure Hans Blix vergangene Woche vor der internationalen Presse in New York ihre Positionen zu einem möglichen Krieg gegen den Irak erläuterten, sollte die Weltöffentlichkeit eines nicht sehen: Pablo Picassos "Guernica", das in Form einer Tapisserie, die Nelson A. Rockefeller 1985 den Vereinten Nationen geschenkt hat, im Vorraum zum Sitzungssaal des Sicherheitsrats hängt.
Picassos aufwühlendes Memento, das bekannteste Anti-Kriegs-Bild des zwanzigsten Jahrhunderts, war von einem blauen Vorhang mit UN-Logos verhüllt worden. Es sei, so ein Diplomat, kein "angemessener Hintergrund", wenn Powell oder der Botschafter der Vereinigten Staaten bei den Vereinten Nationen, John Negroponte, über Krieg redeten und dabei von schreienden Frauen, Kindern und Tieren umgeben seien, die das durch Bombardements verursachte Leid zeigten. Ein Sprecher der Vereinten Nationen bekräftigte, der Vorhang sei "ein angemessener Hintergrund für die Kameras".
Die Entscheidung, Picassos bildhaften Aufschrei, dessen Original 1937 als Reaktion auf die Bombardierung und Zerstörung der baskischen Stadt Guernica durch die deutsche Luftwaffe gemalt wurde, zu verhüllen, ist ein symbolischer Akt. Er beschädigt nicht nur die Erinnerung, die Picassos Ereignisbild beschwört, er beschädigt auch die menschliche Gabe, im klaren Bewußtsein der Leiden und im Angesicht der Opfer - seien sie auch nur gemalt - über Krieg oder Frieden zu streiten.